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ETF Strategie ohne Emotionen

Eine ausgeklügelte Risikoprofilierung ist die Basis für den Aufbau eines passgenauen Portfolios rein mit ETFs. Ein Leitfaden für erfolgreiches Investieren.

Einer raunt’s dem anderen zu: Passiv gemanagte Exchange Traded Funds (ETF) weisen meist bessere Ergebnisse aus als aktiv gemanagte Investmentfonds. Nichts Neues soweit. Aber die Nachricht dringt mittlerweile sogar schon bis zum unerfahrenen Kleinanleger durch. Und andere, schon länger mit der Materie vertraut, verdammen Einzeltitel oder aktiv gemanagte Fonds vermehrt aus ihren Portfolios. Mit dem Ziel, das Portfoliomanagement selbst in die Hand zu nehmen – mit ETFs.

Und dort beginnt dann das Dilemma: Indizes, Märkte und Branchen fallen und steigen nun mal und verleiten zu emotionalem Handeln. Die kostengünstigen ETFs werden in den Händen der semiprofessionellen Anleger schnell zu Spielbällen, der Anleger zum Jongleur. Und so wird der ETF ad absurdem geführt, aus passiven Investments wird ein aktives Portfolio-Management. Eine aktuelle Studie der Goethe Universität Frankfurt unter 7.000 Privatanlegern hat aufgezeigt, dass selbstgebaute ETF-Portfolios am Ende genau aus diesem Grunde schlechter abgeschnitten haben als die Anleger ohne ETFs.

Dabei ist der erste Gedanke, sich ein möglichst professionelles ETF-Portfolio zu strukturieren, durchaus richtig. Eine aktuelle Studie der Leibnitz Universität Hannover belegt allerdings, dass Anleger als Selbstentscheider selten Anlageerfolg haben (aber übrigens auch nicht besser und schlechter als Fondsmanager abschneiden). Aber um mittel- bis langfristig Erfolg zu haben, braucht ein ETF-Portfolio eine professionelle und unabhängige Handschrift. Eine Analyse der Risikofähigkeit, eine ehrliche Definition der Risikobereitschaft und darauf aufbauend eine feste Strategie ohne Emotionen für eine individuelle Portfoliostrukturierung.

Natürlich steht am Anfang einer Finanzberatung eine Analyse der Finanzsituation, die diesen Namen auch verdient. Bei kleineren Vermögen ebenso wie bei größeren. Es gilt den Anlagebetrag zu ermitteln. Dies sollte nicht mal eben am Schreibtisch des Bankberaters oder Wohnzimmertisch des Anlegers geschehen. Und schon garnicht dem Anleger selbst überlassen bleiben.

Nun ist die Realität in der deutschen Finanzberatung leider die, dass zehn Finanzberater bei ein und demselben Kunden zu zehn verschiedenen Analyseergebnissen kommen. Dabei könnte der Anleger doch erwarten, dass er von allen das gleiche Ergebnis bekommt! So wie er nach einer Analyse zu seinem Blutbild von zehn verschiedenen Laboren bei allen den gleichlautenden Laborbericht erwarten kann.

Analyse nach DIN-Standard ist elementar für die Feststellung der Risikofähigkeit

Ein geeignetes weil neutrales Werkzeug ist die Finanzanalyse privater Haushalte nach DIN SPEC 77222, ein unter dem Dach des Deutschen Instituts für Normung von der Finanzbranche entwickelter Standard. Ein hochkarätig besetzter DIN-Ausschuss, bestehend aus Verbraucherschützern, Finanzwissenschaftlern und namhaften Branchenvertretern, entwickelt derzeit daraus in eine Norm. Sie hat zum Ziel, dass künftig nicht mehr am tatsächlichen Bedarf des Kunden vorbeiberaten werden kann. Die Din SPEC und später Norm führt, sofern der Berater vom Defino Institut für Finanznorm entsprechend zertifiziert ist, sowohl für den Anleger als auch für den Berater zu großer Nachvollziehbarkeit, Vertrauen und Rechtssicherheit.

Denn so ehrlich muss ein jeder Anleger mit sich selber sein: Was kann ich mir wirklich leisten? Zu allererst geht es bei der Anwendung der DIN-Analyse um die Ermittlung, dass existenzbedrohende Risiken lückenlos abgesichert sind – elementar wichtig für die Feststellung der Risikofähigkeit. Im zweiten Abschnitt erfolgt die Prüfung, ob der Lebensstandard in Zukunft und auch im Alter noch gesichert ist. Das klassische Feld für den Einsatz von ETFs. Bedeutend ist aber auch die dritte Analyse-Stufe, denn hier geht es um die Ziele des Kunden.

Zur Ermittlung der Risikobereitschaft ist viel Fingerspitzengefühl gefragt

An dieser Stelle ist die ganze Professionalität des Finanzberaters gefordert. Während die Altersabsicherung einer eher sicheren und langfristigen Portfolio-Strategie mit entsprechend ausgelegten ETFs bedarf, können Ziele und Anlagehorizonte beim Kunden durchaus divergieren oder sich in Teilen widersprechen. Welche ETFs für welchen Fall die richtigen sind, das sagt die DIN-Analysenorm nämlich nicht. Die passgenaue Anlagestrategie erfordert des Beraters Fingerspitzengefühl – vor allem bei der Ermittlung der Risikobereitschaft.

Vielen Anlegern ist schlicht nicht bewusst, dass feste Zeitziele und kurzfristige Anlagehorizonte durchaus mit hohen Risiken verbunden sein können. Risiken, zu denen der Anleger nicht bereit ist. Konservativ oder doch lieber risikobewusst? Diese Fragestellung ist viel zu einfach. Die Suche nach dem Risikoprofil gleicht ein Stück weit dem Abklopfen einer Lebensplanung, bestehend aus vielen Einzelteilen. Und entsprechend ist das ETF-Portfolio zusammenzusetzen. Mit den Antworten auf teilweise sehr persönliche Fragen bekommen Anleger und Finanzberater schon ein gutes Gefühl dafür, für welchen Zeitraum wieviel Geld benötigt und nicht benötigt wird.

Die Risikotoleranz gibt Rückschluss auf die Akzeptanz von Rückschlägen

Entscheidend wird ebenfalls sein, welchen maximalen Verlust, welche Rückschläge der Anleger zwischenzeitlich auch emotional verkraften kann. Da können beim Berater sogar psychologische Fähigkeiten gefragt sein. Daraus ergibt sich die konkrete Risikotoleranz, welche am Ende zwei wesentliche Aspekte mit beeinflusst: Die Akzeptanz einer möglichen Abweichung von Zielgrößen und damit die Kundenzufriedenheit.

Mit der Feststellung der Risikofähigkeit nach DIN SPEC 77222, der ehrlichen Risikobereitschaft des Kunden und der konkreten Risikotoleranz hat der Berater die entscheidenden Faktoren zur Portfoliostrukturierung mit ETFs. Sie bestimmen, in welchem Verhältnis risikobehaftete ETF-Anlageklassen (Aktien/Rohstoffe) mit höheren Renditeaussichten zu risikoarmen Anlageklassen (Anleihen/Geldmarkt) mit niedrigeren Ertragserwartungen für welche Zeiträume stehen sollen.

Je nach Risikobereitschaft und Risikotoleranz ist bei der Auswahl der Indizes zu allererst die Gewichtung der einzelnen Volkswirtschaften vorzunehmen. Die Gewichtung der einzelnen Länder erfolgt entweder auf Basis der Marktkapitalisierung (Börsenkapitalisierung) oder nach Bruttoinlandsprodukt (Produktivität). Einzurechnen sind dabei eventuelle Währungsrisiken.

Ist die Länderallokation gewichtet, folgt die Gewichtung der Wertpapierarten innerhalb der ETFs: Wie stark müssen oder dürfen am äußeren Rand der Renditetreiber die Small Caps mit all ihren Risiken vertreten sein und wie stark am Gegenpol zur Absicherung kurzlaufende Staats- und Unternehmensanleihen hoher Bonität? Und wie verteilen sich zwischen den beiden Polen ETFs mit preiswerten aber risikoreicheren Unternehmenspapieren (Value) und solche mit eher behäbigen Wachstumswerten (Growth)?

Und zum Feintuning eignen sich schließlich noch ETFs, die sich mit Rohstoffen oder speziellen Branchen beschäftigen. Immer zu berücksichtigen ist, dass die ETFs den jeweiligen Index möglichst gut nachbilden. Wie auch immer das Portfolio am Ende im Einzelfall ausfällt: Im Ergebnis erhält der Investor ein breitgestreutes „Weltportfolio“ als Grundgerüst.

Ein „Weltportfolio“ braucht mindestens acht bis zehn ETFs

Dem Anleger stehen in Deutschland aktuell weit über 1.139 ETFs zu Verfügung. Um ein „Weltportfolio“ perfekt konstruieren zu können, braucht es bei einfach gestrickten Anlegern mit klaren Risikovorgaben und Renditeerwartungen mindestens acht bis zehn solcher ETFs. Damit lässt sich beispielsweise bei einer Risikomischung von 50:50 eine Streuung von über 10.000 Werten erreichen (vergl. Tabelle). Ist seine Lebensplanung komplizierter und seine Risikotoleranz gering, dann kann dies sogar zu einem noch diversifizierteren Portfolio führen.

ETF-Index Weltportfolio
Länder-AllokationAnteil %Kosten (TER)Positionen
Aktien50% 
Unternehmen Amerika11%0,07 %504
Unternehmen Schwellenländer12%0,25 %1.903
Unternehmen Europa6%0,20 %605
Unternehmen Japan3%0,20 %1.166
Unternehmen Pazifik3%0,20 %146
Unternehmen Small Cap und Value weltweit15%0,50 %4.242
Anleihen50%
Staats- und Unternehmensanleihen weltweit25%0,34 %114
Staats- und Unternehmensanleihen weltweit11%0,25 %346
Staats- und Unternehmensanleihen Europa14%0,25 %2.034
Gesamtkosten und Anzahl der Werte0,32 % p.a.11.060

 

Sollten keine unvorhergesehenen, herausragenden Ereignisse eintreten, sollten Anleger an dem festgelegten Portfolio auch nichts ändern. Wenn doch, dann wird eine neuerliche DIN-Finanzanalyse erforderlich. Ansonsten gilt: Um den Sinn von ETFs nicht zu torpedieren und um den erwarteten Erfolg nicht zu gefährden, sollte er innerhalb des Portfolios kein aktives Management betreiben. Allerdings wird sich die Risikogewichtung aufgrund von Markbewegungen verschieben und stimmt dann nicht mehr mit der vorher festgelegten Risikofähigkeit und -Bereitschaft überein. Dies zieht ein jährliches Rebalancing des Portfolios nach sich. Dabei werden die Anlageklassen, die stark an Wert gewonnen haben, anteilig verkauft und Anlageklassen, die an Wert verloren haben, zugekauft. Dies sollte der einzige aktive Eingriff ins Portfolio bleiben, ansonsten regiert die Emotionslosigkeit.

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